Benedikt Ritter

Director of Photography

KREUZUNG, ein Film von Benedikt Ritter und Florian Huber

Auf der Welt gibt es Abermillionen von Kreuzungen. Doch die Kreuzung vor meinem Wohnungsfenster, gleich an der Nordwestecke der Schweiz, ist nicht banal – denn sie ist meine Kreuzung, und die meiner Nachbarn. Eigentlich ist keine Kreuzung banal. Weder der Scheideweg der Mythologie, noch der unheimliche Verzweigungsort, wie er einst durch Kruzifixe und Kapellen gesichert wurde. Und schon gar nicht der Knotenpunkt oder die Schnittstelle von heute: Treffpunkt, Kollisionsort, Gabelung, Übergang, Mündung, Fluchtpunkt, Multischalter oder Doppelweiche – jede Kreuzung ist viel mehr als ein Nicht-Ort, mehr als ein abstrakter nulldimensionaler Punkt zwischen zwei Geraden, sondern ein Brennpunkt, in dem sich täglich unsere Lebenslinien berühren und verdichten, wo sich das Globale und das Lokale austauschen. Wo sich Herkunft und Zukunft für kurze Zeit vergegenwärtigen.

Meine Kreuzung, jene der Elsässerstrasse und der Hüningerstrasse im Basler Arbeiterquartier St. Johann, wird bald keine mehr sein. Oder nur noch eine amputierte Kreuzung mit vorhersehbaren Phantomschmerzen. Denn hier arrondiert der Pharma-Konzern Novartis sein Werkgelände mit milliardenschwerer Prestige-Architektur zum „Campus des Wissens“. Für den Wirtschaftsriesen bedeutet dies ein attraktives Umfeld für Wertschöpfung durch Forschung und Entwicklung, für die Stadtplanung ein Stück Stadtreparatur, erkauft mit der Preisgabe des öffentlichen Strassenstücks. Doch solche Quartieraufwertung führt, so fürchten wir Anwohner, zu unbezahlbaren Mietpreisen.

Grund genug, für uns, 2007, mit Kamera, Mikrophon und Schnittcomputer – dem Verkreu­zungs­­apparat par excellence – diesen so realen wie symbolischen Ort in seinem Umbruch einzufangen. KREUZUNG ist zunächst eine facettenreiche Momentaufnahme dieser so unscheinbaren wie prekären Nachbarschaft kurz vor Eröffnung der unterirdischen Transit­autobahn. Doch KREUZUNG versteht sich auch als im historischen Sinn „kon­kreter Film“, gleichsam als Verfilmung der unser globales Zeitalter bestimmenden Vorsilben „Inter-“, „Multi-“ und „Trans-“: Als musikalische Meditation über die verschiedenen Tempi und Rhythmen, über Wechsel und Konstanz eines Ortes – und über die Nähe und Distanz seiner Bewohnerinnen und Bewohner.